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Das macht Sinn

Hast Du schon mal von den An­gli­zis­mus­jä­gern eins auf den De­ckel be­kom­men, weil Du der Mei­nung warst, et­was ma­che Sinn? 

Sinn ma­chen: An­gli­zis­mus oder nicht?

Wenn Dir das (wie­der) pas­siert, darfst Du gern mit Pe­ter Ei­sen­berg, ei­nem der be­kann­tes­ten deut­schen Sprach­wis­sen­schaft­ler, im Rü­cken kon­tern: Nach der­zei­ti­gem Wis­sens­stand han­delt es sich bei Sinn ma­chen um kei­nen An­gli­zis­mus, zu­min­dest kann dies nicht be­legt wer­den.

Das To­des­ur­teil über die Spra­che als ei­nem le­ben­di­gen Phä­no­men wird end­gül­tig ge­fällt, so­bald sei­tens un­er­müd­li­cher Sprach­pu­ris­ten die Ety­mo­lo­gie ins Feld ge­führt wird. 

So führt der ein­gangs er­wähn­te Pu­bli­zist ge­gen den (ver­meint­li­chen) An­gli­zis­mus „es macht kei­nen Sinn“ ins Feld, das Verb „ma­chen“ kön­ne nur mit Kon­kre­ta ge­braucht wer­den, da es von ei­ner ger­ma­ni­schen Wur­zel mit der Be­deu­tung „kne­ten“ ab­stam­me, und Sinn kön­ne man nicht kne­ten. Al­ler­dings sei, so Ei­sen­berg, die Ver­wen­dung von „ma­chen“ mit Abs­trak­ta be­reits im Wör­ter­buch von Grimm be­legt, so z.B. „das macht Freu­de“.

Ob es sich bei „es macht kei­nen Sinn“ tat­säch­lich ei­ne aus dem Eng­li­schen über­nom­me­ne Lehn­prä­gung han­de­le, blei­be so lan­ge ei­ne un­be­weis­ba­re Be­haup­tung wie das „Deut­sche Text­ar­chiv“ als elek­tro­nisch er­fass­tes Na­tio­nal­kor­pus für das Deut­sche (rück­läu­fig vom 20. bis ins 16. Jahr­hun­dert) noch nicht fer­tig ge­stellt sei, wel­ches Auf­schluss über Erst­be­le­ge lie­fern kön­ne.
Pe­ter Ei­sen­berg, Vor­trag vom 12.12.2007, zi­tiert nach ei­nem Pro­to­koll auf mediensprache.net

Nach­dem ich den Ar­ti­kel Das macht Sinn 2010 auf der kuh­haut ver­öf­fent­licht hat­te, er­klär­ten mir ei­ni­ge Sprach­pu­ris­ten in Kom­men­ta­ren aus­führ­lich, war­um et­was nur Sinn er­gibt oder hat aber kei­nes­falls macht. Stets wur­de da­bei die kon­kre­te Be­deu­tung als Maß­stab her­an­ge­zo­gen; Sinn und ma­chen, das pas­se nicht zu­sam­men.

Kei­ner der Kom­men­ta­to­ren ging auf die zen­tra­len Punk­te in Ei­sen­bergs Vor­trag und in mei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on ein: 

  1. Die Prä­mis­se, „Sinn ma­chen“ wä­re deng­lisch, ist sehr frag­wür­dig.
  2. Nie­mand regt sich über ver­wand­te Wen­dun­gen wie Freu­de ma­chen oder ei­nen Un­ter­schied ma­chen auf – bei­de zei­gen, dass ma­chen mit Abs­trak­ta ver­wen­det wer­den kann.

Ich glau­be, es ist ei­ne Fra­ge der Zeit, bis ein Be­leg da­für ge­fun­den wird, dass es Sinn ma­chen schon seit lan­ger Zeit im Deut­schen gibt – ähn­lich wie im Fall von et­was er­in­nern.

Vor­sicht vor sprach­li­chen Ge­wiss­hei­ten

Der pro­to­kol­lier­te Vor­trag von Pe­ter Ei­sen­berg ist auch des­halb sehr le­sens­wert, weil er ei­ni­ge „Ge­wiss­hei­ten“ über Spra­che und ih­re kor­rek­te Ver­wen­dung fun­diert in­fra­ge stell­te.

Ei­sen­berg hob her­vor, dass die nicht gra­du­ier­ba­ren An­t­o­ny­me „rich­tig“ und „falsch“ für die Nor­mie­rung von Spra­che kei­ne ge­eig­ne­ten Kri­te­ri­en sei­en, zu­mal „fal­sches Deutsch“ bei Licht be­trach­tet „gar kein Deutsch“ sei.Pe­ter Ei­sen­berg, Vor­trag vom 12.12.2007, zi­tiert nach ei­nem Pro­to­koll auf mediensprache.net

Mir geht’s da selbst an den Kra­gen, ich ste­he näm­lich auf Kriegs­fuß mit Wen­dun­gen des Typs wie wenn oder wie er das sah, über­kam ihn Freu­de (al­so im Sin­ne von „in dem Au­gen­blick, als er es sah …“). Auch bei zu was, um was etc. ge­he ich auf die Bar­ri­ka­den.

So ganz kann ich mich mit dem Ge­dan­ken, bei der Be­wer­tung von Sprach­ver­wen­dung auf „rich­tig“ und „falsch“ zu ver­zich­ten, nicht an­freun­den. Wenn es kein „Falsch“ gibt, dann darf ich al­so schrei­ben: „Haus, gä­he auß hoi­te ich“? Na­tür­lich über­trei­be ich hier, Ei­sen­berg aber auch. Er mahnt je­doch et­was sehr Wich­ti­ges an: nicht leicht­fer­tig über in­kor­rek­tes Schrei­ben oder Spre­chen zu ur­tei­len.

Der sub­jek­ti­ve Fak­tor

Ich glau­be, letzt­lich sind bei­de Wahr­hei­ten gül­tig: Spra­che und die Auf­fas­sung dar­über, was gut klingt, sind sub­jek­tiv mit­ge­prägt und ver­än­dern sich. An­de­rer­seits muss man nicht über al­les froh­lo­cken, was sich da ver­än­dert, das ei­ge­ne Emp­fin­den ge­hört zur Sprach­dis­kus­si­on da­zu. Für mei­ne Groß­mut­ter, die mich in ih­rer Lie­be zur Spra­che ge­prägt hat, wa­ren wie wenn und Co. Feh­ler oh­ne Wenn und Aber. Na­tür­lich bin ich da­von be­ein­flusst.

Ir­gend­wann kann es ei­nen auch selbst er­wi­schen: So durf­te ich vor Jah­ren dar­über stau­nen, dass es nicht ich ha­be das hier zu lie­gen, son­dern ich ha­be das hier lie­gen heißt. Mit zu lie­gen ha­ben bin ich auf­ge­wach­sen. Der grü­ne Du­den gab Aus­kunft, dass zu in die­sem Fall stan­dard­sprach­lich nicht kor­rekt sei, es aber im Ber­li­ne­ri­schen ge­bräu­lich wä­re. Al­les klar, dort lie­gen mei­ne Wur­zeln.

Ich wer­de es nicht ver­hin­dern kön­nen, dass wie wenn sich im­mer mehr durch­setzt. Doch mein Ein­spruch bei an­ders wie ihr Mann bleibt be­stehen, weil das nicht nur mei­nen Au­gen und Oh­ren weh­tut, son­dern zu­dem in­halt­lich über­haupt kei­nen Sinn macht. 

Wei­ter- und nach­le­sen

Im Text zi­tier­tes Pro­to­koll von Pe­ter Ei­sen­bergs Vor­trag auf mediensprache.net mit dem Ti­tel „Kor­rek­tes Deutsch!“ vom 12. De­zem­ber 2007 auf mediensprache.net (An­kün­di­gung des Vor­trags: Vor­trag Kor­rek­tes Deutsch von Pe­ter Ei­sen­berg)

Du­den Band 9, Rich­ti­ges und gu­tes Deutsch, 6. Auf­la­ge. Du­den­ver­lag 2007, S. 1039, oder Stich­wort „zu“

Erst­ver­öf­fent­li­chung am 20. Ja­nu­ar 2010 auf mei­ner al­ten Web­site „kei­ne kuh­haut“. Für Dau­le­ben über­ar­bei­tet und er­wei­tert.

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